Die Bad Wildunger Stadtkirche
Typisch für eine Kirche im Waldecker Raum ist auch hier die Verbindung von zwei Bautraditionen: Der hessische Einfluss zeigt sich - besonders von der Marburger Elisabeth-Kirche geprägt - in dem tiefen Chorraum; der westfälische Einfluss hingegen in den runden Säulen und dem quadratischen Grundriss der Halle. Im nördlichen Seitenschiff findet sich über dem Eingang zur Küsterei das Grabmal des Grafen Samuel von Waldeck (1528 - 1570). Es wurde vom Steinmetzen Georg von der Tann aufwändig im Renaissance-Stil gearbeitet. Hier sind zahlreiche Wappen aus dem Herrschaftsbereich und der Familie des Grafen dargestellt. Dies künstlerisch wertvollste der Grabmäler in der Kirche wurde für den Grafen Josias II von Waldeck (1636 bis 1669) gebaut. Der Bildhauer Heinrich Pape(n) schuf im Auftrag der Witwe des Grafen 1674 ein großartiges Werk, in dem sich die Kunst des Hochbarock voll entfaltet. Graf Josias II fiel als General im Dienste Venedigs bei der vergeblichen Verteidigung der Festung Candia (heute Iraklion) auf Kreta. Seine sterblichen Überreste wurden 1962 in ein neues Grab in der Geismar-Kapelle umgebettet. Die allegorischen Figuren auf dem oberen Sims zeigen die Tugenden des Grafen: Hoffnung, Frömmigkeit, Standhaftigkeit und Klugheit. Über den
berühmten Flügelaltar des Conrad von Soest aus dem Jahre 1403 gibt es hier
ausführliche Informationen.Gegenüber dem Grabmal des Josias findet sich ein weiteres großes Denkmal. Es ist dem Fürsten Karl (Carl) von Waldeck (1704-1763) gewidmet. Dieses spätbarocke Werk des Bildhauers Markus Christoph Krau erreicht allerdings nicht den künstlerischen Wert der vorgenannten Grabmale. Die hier abgebildeten allegorischen Figuren stehen für Gerechtigkeit und Stärke (unten), darüber Frömmigkeit und Klugheit. Ganz oben schwebt die Verkünderin des Ruhms, Fama. Im südlichen Seitenschiff steht seit 1998 wieder der wunderschöne große Taufstein. Er wird auf das Jahr 1350 datiert und ist von guter Erhaltung, trotz eines langen Aufenthaltes unter freiem Himmel von 1857 bis 1963. Die lateinische Inschrift auf dem Sockel lautet: BABTISMUS EST FUNDAMENTUM ET IAUNA ALIORUM SAKRAMENTORUM (Die Taufe ist die Grundlage und die Tür zu den anderen Sakramenten). In der eingelassenen Taufschale findet sich ein Zitat des ersten evangelischen Pfarrers an der Stadtkirche, Johann Hefenträger: Der Taufe Werk währet für und für durch das ganze Leben. Die Orgel, wie sie sich Ihnen heute zeigt, wurde 1982 von der Firma Gerhard Schmidt aus Kaufbeuren erbaut. Dabei wurden einige Register der vorherigen Orgel aus dem Jahr 1857 nach Umarbeitung übernommen. Auffällig ist das große Rückpositiv, so benannt, da es sich im Rücken des Organisten befindet. Der 3-Manualige Spieltisch steht frei auf der Empore. Die im Jahre 1483 errichtete Geismar-Kapelle hat Ihren Namen von ihrem Stifter - einem Angehörigen der Familie von Geismar. Diese Familie führt in ihrem Wappen einen springenden Hirsch. 1667 ging die Kapelle in den Besitz des damals noch gräflichen, ab 1712 fürstlichen, Hauses Waldeck über und diente als Beisetzungsstätte der Familie. 1962 wurden die 24 dort aufgestellten Särge in die fürstlich-waldeckische Grabkapelle in Netze überführt. Graf Josias II und Fürst Karl wurden im gleichen Jahr in ein neues Grab in dieser Kapelle umgebettet. Seit 1993 dient die Kapelle wieder gottesdienstlichen Zwecken und ist jetzt der Ruhe und Andacht vorbehalten. Die Kirche ist täglich geöffnet: Oktober bis März: 14.00-16.00 Uhr April bis September: 10.30-12.00 und 14.00-17.00 Uhr Führungen für Gruppen werden auf Anfrage gerne durchgeführt. Tel. 05621 / 4011 Die Kirche wird auch im Rahmen der regelmäßigen Stadtführungen gezeigt. WICHTIG: Gruppen werden gebeten, sich vor dem Besuch der Stadtkirche im Evang. Gemeindebüro, Tel. (05621) 960110 oder unter der Handy-Nr. 0170 / 4167 768 anzumelden, um einen reibungslosen Ablauf zu ermöglichen. Vielen Dank! Musik in der Kirche erklingt jeden Donnerstag um 16.00 Uhr (ca. 30 Minuten). Gottesdienste werden an jedem Sonntag um 10.00 Uhr gefeiert. Text: Wolfgang Keller |