Wenden wir uns der Mitteltafel zu, wo links oben das letzte Abendmahl dargestellt ist. Für alle am Tisch Sitzenden nicht zu sehen, aber uns offen zugewandt, trägt der Verräter seinen Lohn in einem Beutel auf dem Rücken. Als weiteres Zeichen des Verrats versteckt er einen Fisch (ein frühes Symbol der Christen) unter dem Tisch. An der Seite Jesu ruht Johannes. Neben ihm wird Paulus dargestellt. Diese nicht biblisch begründete Darstellung war durchaus üblich. Unüblich hingegen ist wiederum Conrads lebensnahe Darstellungsweise. Auf dem Tisch finden sich Speisen, z.B. eine Art Pfefferschote wie sie damals sehr beliebt waren. Rechts oben auf der Mitteltafel folgt die nächste Szene: im Garten Gethsemane. Jesus ist ins Gebet versunken, seine Jünger in den Schlaf Im Hintergrund nähern sich die Häscher mit Judas. In dieser bislang schwersten Stunde Jesu tröstet ihn die Anwesenheit Gottes: rechts oben ragt seine Hand aus den Wolken. Die naturtreue Darstellung der Flora ist wiederum ein neuer Weg, den Conrad beschreitet - schon fast Landschaftsmalerei. Vergleichen Sie dazu den direkt darunter dargestellten Berg in der Himmelfahrtsszene: streng stilisiert, ohne Naturbezug. Auf dem rechten Flügel geht es weiter. In typischer Weise zeigt uns Conrad das Verhör bei Pilatus, der sich, ganz rechts stehend, bereits die Hände "in Unschuld" wäscht. Ganz links ist zu erkennen, wie zwei Beteiligten deutliche Zweifel kommen, angesichts dessen was sie gehört und gesehen haben. Bei diesem Bild lohnt es sich wieder auf Architektur und Gesichter zu achten! Es folgt die Geißelung. Jesus wird die Dornenkrone aufgesetzt, er wird verhöhnt und mißhandelt. Conrad stellt in den beteiligten Personen die vier Stände dar: Adel, Bürgerschaft, Geistlichkeit und Bauern. Das große Mittelbild, die Kreuzigung, folgt dem klassischen Bildaufbau zur Zeit Conrads. Von uns aus links ist die "gute", rechts die "schlechte" Seite. Vielfältige Hinweise und Deutungen sind mit jeder Figur, ja jedem Detail verbunden. Aber ein Fehler ist Conrad unterlaufen: er verwechselte die Namen der beiden mitgekreuzigten Mörder. Links sehen wir Dismas (Conrad schrieb aber 'Jasmus' an den Querbalken), der Jesus als den Heiland erkannte und dessen Seele von einem Engel über ihm erwartet wird. Rechts geht die Seele des Jasmus einem weniger erfreulichen Schicksal entgegen. Aber auch der heidnische Hauptmann (der ebenso einer der drei Könige sein könnte) bekennt mit seinem Spruchband: "Wahrlich, dieser war Gottes Sohn". Es folgt, links unten auf der Mitteltafel, die Auferstehung. Wieder wählt Conrad eine ungewöhnliche Bildkomposition. Die Stellung des Sarkophages im Bild und der verschobene Deckel sind der Beginn einer echten Perspektive. Im Gegensatz dazu ist die Darstellung Jesu bewußt nicht 'echt' oder irdisch. Der linke Fuß ist zwar verborgen, erkennbar aber nicht das Standbein. Auch der rechte Fuß hat noch keinen festen Boden gefunden. Dennoch findet er (symbolisch) Halt an der Rüstung - obwohl er sich daran eigentlich stechen müßte. Die drei Soldaten, nach bester burgundischer Art gerüstet, begreifen nicht was geschieht - einer schläft sogar ruhig weiter. Auf der Haupttafel rechts unten wird Christi Himmelfahrt dargestellt. Besonders beeindruckt dabei wiederum die reiche Sprache der Gesichter. Ungläubiges Staunen, Fassungslosigkeit und tiefe Verzweiflung erfüllen die Jünger und Maria. Jesus ist bereits weit entrückt. Nur seine Fußabdrücke auf dem stilisierten Ölberg erinnern noch an sein irdisches Wandeln. weiter |